Heiligabend, 17:40 Uhr. Der Kartoffelsalat steht, der Baum leuchtet, alle sind da. Dann sagt jemand: „Du warst ja schon immer so.“ Zwanzig Minuten später sitzt du da, als wärst du wieder fünfzehn. Mit genau der Laune von damals.
Warum passiert das ausgerechnet an Weihnachten, beim runden Geburtstag oder bei der Taufe der Nichte? Es gibt viele Gründe: Stress, zu hohe Erwartungen an den perfekten Abend, zu viele Menschen auf zu wenig Platz. Einer wird oft übersehen, dabei steckt er hinter erstaunlich vielen Streits: Wir glauben, dass wir uns kennen.
Wir kennen uns. Oder?
Niemanden kennen wir so lange wie unsere Familie. Aber wie gut kennen wir sie wirklich? Eng miteinander verbracht haben wir meistens die ersten achtzehn Jahre, mit Geschwistern oft weniger. Und diese Zeit ist meistens eine ganze Weile her.
Ich habe mit der Achtzehnjährigen, die damals ausgezogen ist, nicht mehr viel gemeinsam. Und meine Mutter hat sich seitdem sicher auch weiterentwickelt. Trotzdem begegnen wir uns gerade an Festtagen oft so, als wüssten wir genau, wer der andere ist. Die Erinnerungen an all die früheren Feste sitzen mit am Tisch.
Wie deine Erwartung den Streit gleich mitbringt
Dieses vermeintliche Wissen über die anderen bleibt nicht im Kopf. Es steuert, wie wir reden. Ein Beispiel: Wenn ich davon ausgehe, dass meine Schwester „wie immer“ zu spät kommt, sage ich ihr die Uhrzeit anders, als wenn ich diese Vorgeschichte nicht hätte. Vielleicht mit einem kleinen Seitenhieb. Sie reagiert genervt, ich sehe mich bestätigt, und schon brennt der Weihnachtsbaum. Zumindest im übertragenen Sinn.
Der Soziologe Robert K. Merton hat dafür 1948 einen Begriff geprägt, den heute viele kennen: die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Eine Erwartung verändert das eigene Verhalten so, dass am Ende genau das passiert, was man erwartet hat. Du bekommst, womit du rechnest, und hältst das dann für den Beweis.
Warum dir das Schlechte mehr auffällt
Dazu kommt ein zweiter Mechanismus. Was wir erwarten, fällt uns eher auf als das, was neu ist. Und Negatives wiegt schwerer als Positives. Der Psychologe Roy Baumeister hat mit seinem Team 2001 zahlreiche Studien dazu ausgewertet. Das Fazit steckt schon im Titel der Arbeit: Schlechtes ist stärker als Gutes.
Am Festtisch sieht das so aus: Dein Bruder bedankt sich an diesem Abend sieben Mal für eine Aufmerksamkeit. Beim achten Mal nicht. Und was bleibt hängen? „Typisch. Er war schon immer undankbar.“
Und jetzt: verändern
Die anderen am Tisch haben diesen Artikel vermutlich nicht gelesen. Du musst also nicht warten, bis alle mitmachen. Es reicht, wenn du an deinem Ende des Tisches anfängst.
- Lern eine Person neu kennen. Nimm dir vor dem Fest vor, mindestens einen Menschen so zu behandeln, als würdest du ihn zum ersten Mal treffen. Stell eine Frage, deren Antwort du nicht schon zu kennen glaubst: „Was hat dich dieses Jahr am meisten überrascht?“ statt „Und, immer noch im selben Job?“.
- Frag ohne eingebaute Erwartung. „Möchtest du heute einen Glühwein?“ statt „Du magst ja keinen Glühwein, oder?“. Klingt nach einer Kleinigkeit, ist aber genau der Unterschied zwischen neu und „wie immer“.
- Zwei Fragen vor jeder Reaktion. Bevor du auf eine Bemerkung anspringst, prüf kurz: Nehme ich etwas vorweg? Und: Nehme ich etwas persönlich? Also: Hat der andere das wirklich so gemeint, oder ist das meine Deutung? Und ärgere ich mich vielleicht über eine Sache, mit der die Person gar nichts zu tun hat?
- Führ eine heimliche Strichliste. Such dir eine Person aus, bei der in deinem Kopf ein „typisch“ steht. Mach an diesem Abend jedes Mal einen Strich, wenn sie es anders macht als erwartet. Die Liste wird vermutlich länger, als du denkst.
Eine Garantie für den Harmonie-Pokal ist das nicht. Aber eine echte Chance, dass dieses Jahr niemand als Fünfzehnjähriger vom Tisch aufsteht.
Weiterlesen: Wenn es in deiner Familie gerade nicht ums Weihnachtsessen geht, sondern um eine Trennung: Schuldgefühle nach der Trennung: Was dahintersteckt.
Quellen und Lesetipps
- Robert K. Merton: The Self-Fulfilling Prophecy. The Antioch Review 8 (2), 1948, S. 193–210.
- Roy F. Baumeister, Ellen Bratslavsky, Catrin Finkenauer, Kathleen D. Vohs: Bad Is Stronger Than Good. Review of General Psychology 5 (4), 2001, S. 323–370.

