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Ausmisten im Kopf geht nie so gut wie in einer Lebenskrise

Grafik: drei Umzugskartons mit den Aufschriften ‚Behalten‘, ‚Umbauen‘ und ‚Weg‘, darüber ‚Inventur im Kopf'

Wer umzieht, mistet aus. Spätestens beim dritten Karton merkst du, was du seit Jahren mitschleppst: das Waffeleisen, das nie benutzt wurde, eine Tüte voller Kabel, von denen keiner mehr weiß, wozu sie gehören, und zwei Kisten, die seit dem letzten Umzug zugeklebt im Keller stehen.

Im Kopf sammelt sich mindestens genauso viel an. Da packt bloß niemand Kartons, solange alles läuft. Erst wenn das Leben einmal kräftig umräumt – durch eine Trennung zum Beispiel oder einen Job, der nicht mehr passt –, fällt dir auf, was du alles mit dir rumträgst. Und ausgerechnet dann ist der beste Moment, um auszumisten.

Das alte Betriebssystem

Wir laufen alle auf einem Betriebssystem, das keiner von uns bewusst eingerichtet hat. Da steckt zum Beispiel drin, wann du Ja sagst, obwohl du Nein meinst, und was du von dir selbst erwartest.

Das meiste davon hast du ziemlich früh gelernt. Die heiße Herdplatte fasst man genau einmal an, und was Lob bringt, macht man halt wieder. So entstehen Programme, die irgendwann von allein laufen. Das ist auch gut so, sonst müsstest du jeden Morgen neu überlegen, wie rum du die Zahnbürste hältst.

Jedes dieser Programme hatte mal seinen Sinn. Nimm „Ich muss das allein schaffen“: Im ersten Job hat dir das vielleicht Respekt eingebracht. Nach einer Trennung, mit zwei Kindern und einer Vollzeitstelle, bremst es dich aus. Das Programm ist noch dasselbe, nur deine Lage hat sich geändert.

Warum dir das alte Programm ausgerechnet jetzt auffällt

Solange dein Leben in den gewohnten Bahnen läuft, merkst du von all dem kaum etwas. Die Programme passen ja zur Lage.

In einer Lebenskrise reagiert das Programm weiter so, wie es immer reagiert hat. Wie ein Navi, das stur über die Brücke will, obwohl die seit Wochen gesperrt ist. Du fährst los, stehst wieder vor der Absperrung und fragst dich, warum du nicht ankommst. Das ist anstrengend. Und gleichzeitig siehst du dabei zum ersten Mal, welche Programme da überhaupt laufen.

Lebenskrise als Chance klingt nach Kalenderspruch

Den Spruch „Jede Krise ist eine Chance“ gibt es vermutlich auf mehr Postkarten, als gut ist. Ein bisschen was ist trotzdem dran, und das hat sogar jemand gemessen.

Die Psychologen Bas Verplanken und Deborah Roy haben dafür rund 800 Leute in der englischen Stadt Peterborough befragt. Ein Teil davon war gerade umgezogen. Alle haben Anregungen bekommen, im Alltag etwas zu ändern, zum Beispiel kürzer zu duschen oder kurze Strecken ohne Auto zu erledigen. Wer erst vor Kurzem umgezogen war, hat das deutlich eher umgesetzt, und zwar in den ersten drei Monaten nach dem Umzug. 2016 haben die beiden die Studie veröffentlicht.

Die Erklärung ist eigentlich simpel. Gewohnheiten hängen an Auslösern in deiner Umgebung: an der Kaffeemaschine in der Küche, am Weg zum Bäcker, an der Uhrzeit, zu der du sonst immer losmusstest. Fallen die weg, hat der Autopilot nichts mehr, woran er sich festhalten kann, und du musst wieder selbst entscheiden. Wer selbst entscheidet, kann auch anders entscheiden.

Untersucht wurden Umzüge. Ich bin aber ziemlich sicher, dass eine Trennung, ein neuer Job oder ein leeres Kinderzimmer deinen Alltag ganz ähnlich durcheinanderbringen. Für dich heißt das: Das Durcheinander, das dich gerade nervt, ist auch ein offenes Fenster. Allerdings nur für eine begrenzte Zeit.

Warum Verstehen allein nicht reicht

Jetzt könnte man denken: Programm erkannt, Problem gebannt. Ganz so einfach ist es leider nicht.

Bei vielen Themen hilft Verstehen schon eine Menge. Ärger heißt zum Beispiel oft, dass gerade jemand deine Grenze überfährt – und wer das Signal lesen kann, weiß, wo er ansetzen muss.

Sitzt ein Thema tiefer, etwa in einer Überzeugung über dich selbst oder in einem Beziehungsmuster, kennst du wahrscheinlich das hier: Du hast alles verstanden und machst es trotzdem wieder genauso. Mit Willensschwäche hat das wenig zu tun. Der Hirnforscher Gerhard Roth und die Psychologin Alica Ryba beschreiben, dass unser Verhalten vor allem von emotional verankerten Erfahrungen gesteuert wird und viel weniger von dem, was wir vernünftig einsehen. Die alten Programme ändern sich durch neue Erfahrungen. Und zwar durch wiederholte neue Erfahrungen.

Wie das im Gehirn funktioniert, hat der Psychologe Donald Hebb schon 1949 beschrieben. Nervenzellen, die immer wieder gemeinsam aktiv sind, verknüpfen sich stärker. Auf Englisch wird das gern als „Neurons that fire together, wire together“ zitiert, der Satz selbst stammt allerdings nicht von Hebb. Stell dir einen Feldweg vor. Fährst du ihn oft genug, wird irgendwann eine Autobahn daraus. Die alte Strecke gibt es dann zwar noch, sie wird bloß seltener befahren, und das Navi in deinem Kopf schlägt sie nicht mehr automatisch vor.

Das dauert. Die Psychologin Phillippa Lally hat mit ihrem Team untersucht, wie lange das dauert. Im Mittel waren es gut zwei Monate, bis eine neue Gewohnheit von allein lief. Bei manchen hat es knapp drei Wochen gedauert, bei anderen über acht Monate. Mit einem großen Vorsatz an Silvester kommst du da nicht weit. Es geht um die kleinen, aber dafür kontinuierlichen Dinge.

Auch der Ruhestand räumt den Alltag um

Der Ruhestand hat einen deutlich besseren Ruf als eine Trennung. Den Alltag stellt er trotzdem genauso auf den Kopf. Jahrzehntelang hat ein fester Takt den Tag bestimmt, und plötzlich macht niemand mehr den Stundenplan. Die Auslöser sind weg, der Autopilot sucht Halt, und die ersten Monate sind wieder der beste Moment, um zu entscheiden, was weiterlaufen soll.

Für Lehrerinnen und Lehrer habe ich dafür ein eigenes Arbeitsbuch geschrieben: „Klassenziel erreicht. Und jetzt?“ Zwölf Wochen, in denen du den Übergang selbst steuerst. Es erscheint Anfang März 2027.

Wer räumt hier eigentlich auf?

Niemand hat sich seine alten Programme ausgesucht, die meisten wurden installiert, als dich noch keiner gefragt hat. Aber auch wenn die Installation nicht deine Schuld war: Du entscheidest, ob sie weiterlaufen. Das ist deine Verantwortung.

Das ganze System neu aufsetzen musst du dafür übrigens nicht. Ein Update nach dem anderen reicht völlig.

Und jetzt: verändern

Mach eine Inventur wie beim Umzug. Du brauchst einen Zettel, einen Stift und eine Viertelstunde.

  1. Such dir eine Situation aus den letzten Tagen, in der du automatisch reagiert hast und hinterher dachtest: typisch. Zum Beispiel „wieder alles allein gemacht“ oder „wieder nachgegeben“.
  2. Schreib das Programm dahinter als Satz auf, etwa „Ich muss das allein schaffen“ oder „Wenn ich nichts sage, gibt es keinen Ärger“.
  3. Frag nach dem Wozu. Was hat dir dieses Programm mal gebracht oder erspart? Einen Grund hatte es, und meistens war der gar nicht so dumm.
  4. Sortier es in eine von drei Kisten:
    • Behalten, weil es auch zur neuen Lage passt.
    • Umbauen. Der Kern stimmt, er braucht bloß eine neue Version. Aus „Ich muss das allein schaffen“ wird dann zum Beispiel „Ich schaffe das, und ich hole mir die Leute dazu, die ich dafür brauche“.
    • Weg, weil es zu einer Lage gehört, die es nicht mehr gibt.
  5. Probier die neue Version diese Woche in einer einzigen Situation aus. Nächste Woche dann noch mal.

Und wenn du dasselbe Programm immer wieder in die Kiste „Weg“ legst und es trotzdem jedes Mal zurückkommt, sitzt es vermutlich tiefer. Dann reicht Verstehen allein nicht. Das geht vielen so, und es zeigt dir immerhin ziemlich genau, wo du ansetzen musst. Wenn du lieber mit mir darüber sprechen willst: Coaching gibt es auf Anfrage.

Weiterlesen: Warum dein Kopf für alte Programme so gute Ausreden findet, erkläre ich in Glaub deinem Pressesprecher nicht alles. Drei Fragen, mit denen du herausfindest, wo du in einer Krise ansetzen kannst, stehen in Lebenskrise bewältigen. Und wie ich grundsätzlich arbeite, steht auf Worum geht’s.

Quellen und Lesetipps

  • Bas Verplanken, Deborah Roy: Empowering interventions to promote sustainable lifestyles: Testing the habit discontinuity hypothesis in a field experiment. Journal of Environmental Psychology 45 (2016), S. 127–134.
  • Gerhard Roth, Alica Ryba: Coaching, Beratung und Gehirn. Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta, Stuttgart 2016.
  • Donald O. Hebb: The Organization of Behavior. Wiley, New York 1949.
  • Phillippa Lally u. a.: How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology 40 (2010), S. 998–1009.