Sonntag, kurz nach vier. Eigentlich wolltest du heute laufen gehen. Dann fällt dir ein, dass es nach Regen aussieht, und das Knie hat gestern ja auch schon gezwickt. Außerdem sind die Laufschuhe eh durch, da kannst du auch auf die neuen warten, die nächste Woche kommen.
Klingt alles vernünftig. Der echte Grund ist es trotzdem selten.
In deinem Kopf sitzt nämlich ein Pressesprecher. Er liefert für alles, was du tust, eine schlüssige Erklärung, und das macht er richtig gut. Blöd ist nur, dass er die wahren Gründe oft selbst nicht kennt. Er erklärt trotzdem mit voller Überzeugung.
Strümpfe, Fotos und eine Ballonfahrt, die es nie gab
In den Siebzigerjahren haben die Psychologen Richard Nisbett und Timothy Wilson vor einem Geschäft in Michigan einen Stand aufgebaut. Darauf lagen vier Paar Nylonstrümpfe nebeneinander, und die Leute, die vorbeikamen, sollten sagen, welches Paar die beste Qualität hat.
Was keiner wusste: Die vier Paare waren identisch. Ein bestes Paar gab es also gar nicht. Gegriffen haben die Leute trotzdem auffällig oft zum Paar ganz rechts. Die Forscher vermuteten, dass es an der Reihenfolge lag. Man schaut von links nach rechts, vergleicht im Kopf und nimmt am Ende das Paar, das man zuletzt angeschaut hat und deshalb noch am frischesten im Gedächtnis hat.
Nach ihrem Grund gefragt, haben die Leute dann von Qualität gesprochen. Das Gewebe wäre feiner, das Material elastischer. Und ob vielleicht die Position eine Rolle gespielt haben könnte? Das hat fast jeder abgestritten.
2005 sind die schwedischen Forscher Petter Johansson und Lars Hall mit ihrem Team noch einen Schritt weiter gegangen. Sie haben Leuten jeweils zwei Porträtfotos gezeigt und gefragt, wen sie attraktiver finden. Danach bekamen die Leute das gewählte Foto noch mal in die Hand und sollten ihre Wahl begründen. Bei einigen Durchgängen hatten die Forscher die Karten allerdings vorher unbemerkt vertauscht, sodass die Leute genau das Foto in der Hand hielten, das sie eben abgelehnt hatten.
Aufgefallen ist das nur bei etwa einem Viertel der vertauschten Karten. Alle anderen haben munter eine Entscheidung begründet, die sie nie getroffen hatten, und dabei teilweise sogar Merkmale gelobt, die es nur auf dem falschen Foto gab. Ihre Begründungen klangen genauso sicher und ausführlich wie die echten.
Ein letztes Beispiel: 2002 hat ein Team um die Psychologin Kimberley Wade in Neuseeland 20 Erwachsenen Fotos aus ihrer Kindheit gezeigt, die ein Familienmitglied herausgesucht hatte. Ein Bild war allerdings gefälscht: Es zeigte die Person als Kind in einem Heißluftballon. Die Ballonfahrt hat nie stattgefunden. In drei Gesprächen sollten sich die Leute an die Situationen auf den Fotos erinnern. Am Ende hatte die Hälfte eine ganze oder teilweise Erinnerung an die Ballonfahrt. Zur Not schreibt der Pressesprecher also auch gleich deine Vergangenheit um.
Wozu macht dein Gehirn das?
Dein Gehirn will eine stimmige Geschichte, und zwar schnell. Ständig „Keine Ahnung, warum ich das gemacht habe“ sagen zu müssen, wäre ziemlich unpraktisch. Also füllt es die Lücke mit der Erklärung, die gerade am plausibelsten klingt. Gelogen ist das nicht, du merkst es ja selbst nicht.
Bei Strümpfen ist das ziemlich egal. Interessant wird es bei den Dingen, die du dir vornimmst und dann doch nicht machst. Da hat der Pressesprecher oft einen ganz bestimmten Auftrag. Statt „Ich hab Schiss, dass es schiefgeht“ meldet er „Das Timing passt gerade nicht“, und aus „Ich will mich nicht blamieren“ wird „Ich muss mich erst noch besser vorbereiten“. Klingt halt deutlich souveräner.
Dahinter steckt oft Angst. Die hat einen schlechteren Ruf, als sie verdient, denn sie ist erst mal ein Signal und kann heißen: Kümmer dich um deine Sicherheit. Mit dieser Information könntest du was anfangen. Sie kommt nur nicht bei dir an, solange der Pressesprecher sie in eine vernünftig klingende Stellungnahme packt. Dann redest du mit dir über Regen, Schuhe und Timing, und um die eigentliche Sache geht es nie.
Woran du den Pressesprecher erkennst
Ganz unsichtbar ist er nicht. Oft kommen die Gründe erst, wenn die Entscheidung schon gefallen ist. Du weißt eigentlich längst, dass du heute nicht mehr läufst, und die Begründung wird nachgeliefert. Verdächtig ist es auch, wenn es auffällig viele Gründe sind. Ein echter reicht meistens, und wer drei braucht, um sich selbst zu überzeugen, sollte noch mal genauer hinschauen.
Am deutlichsten wird es, wenn die Gründe wechseln und das Ergebnis bleibt. Erst ist es der Regen, dann sind es die Schuhe, dann das Knie, gelaufen wird nie. Und wenn dieselbe Ausrede beim Sport auftaucht, beim Gespräch mit der Chefin und beim längst fälligen Anruf beim Bruder, hast du es vermutlich mit einem Programm zu tun.
Glaub ja nicht alles, was du denkst
Den Pressesprecher hast du dir nicht ausgesucht, der gehört bei jedem von uns zur Grundausstattung. Es ist also nicht deine Schuld, dass er dir manchmal Märchen erzählt – und feuern musst du ihn deswegen auch nicht. Aber du entscheidest, ob du ihm alles glaubst. Das ist deine Verantwortung.
Bleibt eine berechtigte Frage: Was ist mit dem Bauchgefühl? Manchmal liegt das ja genau richtig. Ehrlich gesagt ist es gar nicht so einfach, die viel beschworene Intuition von den Steinen zu unterscheiden, die dir deine Komfortzone in den Weg legt. Beide melden sich auf die gleiche Art, schnell, ohne Begründung und mit ziemlich viel Nachdruck.
Einen brauchbaren Anhaltspunkt liefern die Psychologen Daniel Kahneman und Gary Klein. Die beiden waren sich beim Thema Intuition jahrelang uneinig und haben 2009 trotzdem einen gemeinsamen Artikel geschrieben. Sie kommen zu dem Schluss, dass du dich auf deinen Bauch vor allem dort verlassen kannst, wo du viel Erfahrung hast und oft genug mitbekommen hast, ob du richtig lagst. Eine erfahrene Lehrerin merkt im Elterngespräch ziemlich schnell, wenn etwas nicht stimmt. Bei der ersten Bewerbung seit zwanzig Jahren hat dein Bauch dagegen schlicht keine Daten. Und wie sicher du dir bist, sagt laut den beiden wenig darüber, ob du richtig liegst.
Aus meiner Erfahrung kommt noch ein Hinweis dazu: Intuition zeigt meistens auf etwas Bestimmtes. Der Chef im Vorstellungsgespräch hat zweimal das Thema gewechselt, als es um Überstunden ging. Die Komfortzone meldet sich dagegen bei allem, was neu ist, ganz egal, worum es geht. Die Rechnung unten hilft dir, das auseinanderzuhalten.
Und jetzt: verändern
Den eigenen Pressesprecher zu überführen, ist kein Hexenwerk. Du brauchst dafür einen Zettel, einen Stift und zehn Minuten.
- Nimm dir eine Sache, die du seit Wochen vor dir herschiebst. Die Steuererklärung zum Beispiel, die Bewerbung oder das Gespräch, das du schon zweimal verschoben hast.
- Schreib die offizielle Stellungnahme auf, also alle Gründe, warum es gerade nicht geht. Ruhig ausführlich, so wie dein Pressesprecher es formulieren würde.
- Prüf jeden Grund mit einer Frage: Wäre die Sache erledigt, wenn dieser Grund morgen wegfiele? Wenn die neuen Laufschuhe da sind, läufst du dann wirklich? Wenn nicht, war es auch nicht der Grund.
- Schreib die ehrliche Version in einem Satz. Meistens fängt sie mit „Ich hab Schiss, dass …“ oder „Ich will nicht …“ an. Mit diesem Satz kannst du arbeiten.
- Rechne dein Startsignal aus: Wie schlimm wäre es, wenn es schiefgeht, auf einer Skala von 1 bis 10? Und wie gut wäre es, wenn es klappt, ebenfalls von 1 bis 10? Zieh die erste Zahl von der zweiten ab.
Ein Beispiel: Du überlegst, dich auf eine neue Stelle zu bewerben. Die Stelle zu kriegen, wäre eine glatte 9. Und eigentlich hast du nicht viel zu verlieren, wenn du es einfach probierst. Klar, es macht ein bisschen Arbeit, und es bleibt ein Restrisiko, dass dein jetziger Arbeitgeber davon Wind bekommt. Das wäre auf der Skala aber eher eine 3. 9 minus 3 macht 6.
Liegt dein Startsignal über 5, würde ich sagen: Give it a try. Mach in den nächsten 48 Stunden den kleinsten Schritt, der dir einfällt, also die Mail entwerfen, die Nummer raussuchen oder einmal um den Block laufen. Liegt es darunter, zieh einen doppelten Boden ein. Was würde es sicherer machen? Vielleicht ein Probelauf, eine zweite Meinung oder jemand, der mitkommt. Oft rutscht die Zahl für „schlimm“ damit schon ein ganzes Stück nach unten. Und wenn nicht, hast du immerhin ehrlich entschieden.
Wenn du beim nächsten Mal drei gute Gründe parat hast, weißt du ja jetzt, wer da spricht.
Weiterlesen: Warum dir alte Programme gerade in einer Lebenskrise auffallen und wie du im Kopf ausmistest, steht in Ausmisten im Kopf. Wie ich grundsätzlich arbeite, erkläre ich auf Worum geht’s.
Quellen und Lesetipps
- Richard E. Nisbett, Timothy D. Wilson: Telling more than we can know: Verbal reports on mental processes. Psychological Review 84 (1977), S. 231–259.
- Petter Johansson, Lars Hall, Sverker Sikström, Andreas Olsson: Failure to detect mismatches between intention and outcome in a simple decision task. Science 310 (2005), S. 116–119.
- Kimberley A. Wade, Maryanne Garry, J. Don Read, D. Stephen Lindsay: A picture is worth a thousand lies: Using false photographs to create false childhood memories. Psychonomic Bulletin & Review 9 (2002), S. 597–603.
- Daniel Kahneman, Gary Klein: Conditions for intuitive expertise: A failure to disagree. American Psychologist 64 (2009), S. 515–526.

